Interview Benedikt Kaiser : Institut Iliade in Paris

Interview Benedikt Kaiser: Institut Iliade in Paris

Interview Benedikt Kaiser : Institut Iliade in Paris

Quelle : identitaere-generation.info — Unser Ges­prächs­part­ner Bene­dikt Kai­ser, gebo­ren 1987, stu­dierte in Chem­nitz (Sach­sen) Poli­tik­wis­sen­schaft mit euro­pas­pe­zi­fi­scher Aus­rich­tung (M.A.). Sein For­schung­ssch­wer­punkt gilt den Faschis­mus- und Tota­li­ta­ris­mus-Stu­dien ; 2011 publi­zierte er seine Schrift “Euro­fa­schis­mus und bür­ger­liche Deka­denz“. Kai­ser schreibt ins­be­son­dere für die “Sezes­sion“, für die er auch aus Paris berich­tete, und arbei­tet beim Ver­lag Antaios.

IG : Am 25. April fand eine vom Ins­ti­tut Iliade orga­ni­sierte Verans­tal­tung zum „ästhe­ti­schen Uni­ver­sum der Europäer“ in Paris statt. Kön­nen Sie unse­ren Lesern das Ins­ti­tut Iliade kurz vors­tel­len und erklä­ren, welche Ziele es ver­folgt ?

Kai­ser : Das Ins­ti­tut hat sich der Pflege des Ideen­kreises Domi­nique Ven­ners, des „rebel­li­schen Her­zens“, ver­schrie­ben. Ven­ner hin­terlässt ein großes his­to­risches Werk, ohne Zwei­fel, aber man würde zu kurz grei­fen, wenn man beim Ins­ti­tut Iliade nun eine rein per­so­nen­be­zo­gene Arbeit erwar­ten würde. Den Pro­ta­go­nis­ten um die Grün­der Jean-Yves Le Gal­lou, Ber­nard Lugan und Phi­lippe Conrad geht es um mehr, und zwar um etwas, was man als „Lang­zeit­gedächt­nis“ der Europäer umschrei­ben könnte. Ohne Kennt­nis der eige­nen geis­tes­ges­chicht­li­chen und kul­tu­rel­len Wur­zeln ist keine „Ver­tei­di­gung des Eige­nen“ (Mar­tin Licht­mesz) denk­bar. Aber genau daran man­gelt es – so viel Selbst­kri­tik muss zumut­bar sein – selbst den kon­ser­va­ti­ven oder rech­ten Kräf­ten. Also just jenen Krei­sen, die iden­titäre Mar­ker nicht sel­ten wie einen Mons­tranz vor sich her tra­gen. Das Ins­ti­tut Iliade hat sich nun dem „Wie­de­rer­wa­chen des europäi­schen Bewusst­seins“ als dem großen Ziel ver­schrie­ben und möchte dafür, gemäß der Eigen­dars­tel­lung, die Beson­de­rhei­ten und den Reich­tum des gemein­sa­men europäi­schen Kul­tur­gutes her­vo­rhe­ben. Die Quel­len und Res­sour­cen der europäi­schen Iden­tität, die heute durch man­nig­fal­tige Umstände bedroht sind, sol­len mit­tels Tagun­gen, Publi­ka­tio­nen und kul­tu­rel­len Verans­tal­tun­gen heraus­gear­bei­tet wer­den. Beim Kol­lo­quium in Paris wur­den bereits ents­pre­chende Lis­ten ver­teilt, die zur Ver­net­zung und der anges­treb­ten gemein­sa­men Bil­dung­sar­beit bei­tra­gen wer­den.

IG : Wie wür­den Sie den meta­po­li­ti­schen Ein­fluss über das eigene Milieu hinaus ein­schät­zen ?

Kai­ser : Das ist eine schwere Frage, jeden­falls für mich, der ich nicht in Fran­kreich lebe. Aber grund­sätz­lich ist es natür­lich so, dass es auch jen­seits des Rheins ähn­liche Aus­gren­zung­sri­tuale gegenü­ber poli­tisch dis­si­den­ten Strö­mun­gen gibt. Nur errei­chen sie keine Inten­sität, die mit dem deutschs­pra­chi­gen Raum ver­gleich­bar wäre. Das Ins­ti­tut Iliade hat im Her­zen von Paris, im Regie­rung­svier­tel, dem 7. Arron­dis­se­ment, eine aus­ges­pro­chen reprä­sen­ta­tive Tagung­sstätte, das „Haus der Che­mie“, mie­ten kön­nen. Derar­tiges wäre natür­lich in Deut­schland undenk­bar. Hin­zu kommt, dass das franzö­sische kon­ser­va­tive, rechte Milieu tra­di­tio­nell sehr groß ist und zudem uni­ver­sitär nicht zur Bedeu­tungs­lo­sig­keit degra­diert ist. Den­noch, aber das ist meine persön­liche Mei­nung, glaube ich, dass das Ins­ti­tut zwang­släu­fig zual­le­rerst nach „innen“ wir­ken wird, d. h. als pro­fes­sio­nelle Ein­rich­tung zur tief­schür­fen­den Bil­dung­sar­beit kul­tu­rel­ler und geis­tes­ges­chicht­li­cher Art. Ob es dann „meta­po­li­tische“ Effekte über das eigene Milieu hinaus gibt, kann ich nicht sagen, aber zumin­dest ist die „Kan­ten­schere“ zu rech­ten Denk­fa­bri­ken nicht ansatz­weise so effi­zient wie hier­zu­lande. Ber­nard Lugan, His­to­ri­ker und Afri­ka­nist, Weg­gefährte Ven­ners und einer der drei gewich­tig­sten Iliade-Mit­be­grün­der, pro­fi­tiert davon frei­lich nicht mehr. Der kon­ser­va­tive Hoch­schul­leh­rer wurde wenige Wochen vor der Tagung von der altehrwür­di­gen Militä­rhoch­schule Saint-Cyr ver­wie­sen – die Anwei­sung kam direkt aus dem Ver­tei­di­gung­smi­nis­te­rium. Auch so etwas gibt es also in Fran­kreich.

IG : Schil­dern sie uns bitte Ihre Ein­drücke von der Verans­tal­tung.

Kai­ser : Nun, man begriff von vorn­he­rein die auße­ror­dent­liche Pro­fes­sio­na­lität der Iliade-Mann­schaft. Rein des­krip­tiv : Kein Chaos in der reprä­sen­ta­ti­ven Emp­fang­shalle bei Ein­lass und Emp­fang trotz der ins­ge­samt 900 Anwe­sen­den ; man hatte in dem beein­dru­cken­den Tagung­saal, der an ein Thea­ter erin­nerte, eine große Video­lein­wand, auf der Bil­der oder Video­se­quen­zen die ein­zel­nen Vor­träge beglei­te­ten ; es gab tolle Bücher- und Zeit­schrif­tenstände ; einen durch­ge­tim­ten Ablauf­plan, der per­fekt funk­tio­nierte, ohne dass es gehetzt wirkte. Wei­te­rhin muss sicher­lich die auße­ror­dent­liche Hete­ro­ge­nität des Teil­neh­mer­feldes anges­pro­chen wer­den : Von jun­gen Akti­vis­ten diver­ser franzö­si­scher Grup­pie­run­gen bis zu Wis­sen­schaft­lern und aris­to­kra­tisch wir­ken­den Her­ren, von offen­kun­dig bün­disch gepräg­ten Fami­lien bis zu äußer­lich „moder­nen“ Jugend­li­chen war so ziem­lich alles ver­tre­ten ; die dor­tige Frauen­quote erreicht ohne­hin kein deutschs­pra­chiges kon­ser­va­tives Pro­jekt. Auch die Her­kunft der Teil­neh­mer war wie die der Refe­ren­ten unter­schied­lich. Natür­lich, das Gros kam in bei­den Fäl­len aus Fran­kreich. Aber man hörte auch Ukrai­nisch und Rus­sisch, Deutsch, Spa­nisch, Por­tu­gie­sisch, Englisch und Ita­lie­nisch. Das Fan­tas­tischste an einer sol­chen Verans­tal­tung ist denn viel­leicht auch das gesam­teu­ropäische Flair und kon­kret : der inter­na­tio­nale Gedan­ke­naus­tausch und das Ken­nen­ler­nen ande­rer Pers­pek­ti­ven. Das soll frei­lich nicht den intel­lek­tuel­len Gewinn durch die her­vor­ra­gen­den Vor­träge schmä­lern, aber ich denke, dass das „Drum­he­rum“ spe­ziell bei inter­na­tio­na­len Verans­tal­tun­gen essen­tiell ist. Daher wäre es wohl auch hil­freich, wenn zumin­dest einige der Vor­träge für das eben teils fremd­spra­chige Audi­to­rium über­setzt wür­den, so wie es bei Phi­lip Stein der Fall gewe­sen ist, des­sen deutsches Refe­rat Absatz für Absatz auf Franzö­sisch über­setzt wurde, ohne dass dies etwa den Rhyth­mus nahm. Viel­leicht plant man derar­tiges ja für den 3. Iliade-Kon­greß im kom­men­den Jahr.

IG : Mit Phi­lip Stein trat auch ein Ver­tre­ter aus Deut­schland ans Red­ner­pult. Zu wel­chem The­ma refe­rierte der Autor der Blauen Nar­zisse ?

Kai­ser : Phi­lip Steins The­ma zählte zu der Vor­trag­sgruppe, die bedeu­tende Stät­ten europäi­scher Kul­tur- und Geis­tes­ges­chichte vors­tel­len sollte. Der por­tu­gie­sische Referent Duarte Bran­quin­ho sprach bei­spiels­weise über den Turm von Belém (Lis­sa­bon) und Adria­no Scian­ca von Casa­Pound Ita­lia über den Pala­tin sowie den Mythos Rom. Stein wählte als deutsch-europäi­schen Erin­ne­rung­sort die Wart­burg obe­rhalb der thü­rin­gi­schen Stadt Eise­nach. Diese ges­chichts­träch­tige Burg bezeich­nete er als „Hort der Revo­lu­tion“. Mit­tler­weile kann man den Vor­trag auch auf You­Tube anse­hen, weshalb an die­ser Stelle wohl aus­reicht, fest­zu­hal­ten, dass die Wart­burg als Aus­gang­spunkt vie­ler deut­scher Umwäl­zun­gen, die auf das gesamte Euro­pa über­schlu­gen, bezeich­net und als ein wich­ti­ger Pfei­ler der gemein­sa­men Geis­tes­tra­di­tion begrif­fen wurde. Grund­sätz­lich knüpfte er auch an sein Büchlein Junges Euro­pa an, das er 2013 mit Felix Men­zel publi­zierte. Er posi­tio­niert sich darin – unter ande­rem – gegen die Auf­fas­sung, die Rück­kehr zum klas­si­schen Natio­nal­staat sei die ulti­ma­tive Ant­wort auf den fehl­ge­lei­te­ten europäi­schen Inte­gra­tions­pro­zess. Statt­des­sen prä­fe­riert Stein ein alter­na­tives Kon­zept der europäi­schen Eini­gung, das jen­seits der Europäi­schen Union in ihrem jet­zi­gen Zus­tand verläuft, aber eben­so eine Absage an den herkömm­li­chen Natio­na­lis­mus des 19. und 20. Jah­rhun­derts bein­hal­tet. Ein vereintes Euro­pa, das natio­nale Chau­vi­nis­men, his­to­risch-ana­chro­nis­tisches Gezänk und die oft auf der poli­ti­schen Rech­ten domi­nie­rende Eng­stir­nig­keit über­win­det, ist erklär­ter­maßen sein Ideal. Damit zieht er im Grunde vorab die poli­ti­schen Schlüsse aus der kul­tu­rel­len Ziel­set­zung des Ins­ti­tuts Iliade, das ja dazu bei­tra­gen möchte, die gemein­sa­men europäi­schen Tra­di­tions­li­nien offen­zu­le­gen und somit ein Bewusst­sein europäi­scher Ver­bun­den­heit zu schaf­fen.

IG : Vie­len Dank für das Ges­präch !

Cré­dit pho­to : © Ins­ti­tut ILIADE